Lindenrain-Schule, Grund- Gemeinschaftsschule
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„Setz dich, wo du willst!“
Kein Stuhl ist der falsche, kein Platz tabu: In der ersten Klasse der Lindenrainschule Ebhausen weht unter Frau Azevedo ein frischer Wind durch die Bildungslandschaft – und zwar wortwörtlich quer durch den Raum. Denn ein traditionelles Klassenzimmer? Gibt es hier nicht mehr.
Die Kinder starten ihren Schultag nicht wie üblich auf festen Plätzen in Reihen, sondern auf einer Bank an der Tafel – gemeinsam, offen, neugierig. Danach verteilen sie sich dorthin, wo es für sie am besten passt: an Einzeltische, Gruppentische, Bodentische oder Stehtische, auf Gymnastikbälle, Balancekissen oder verschieden hohe Bänke. Und wer mag, zieht mit Heft und Stift in die Lernwerkstatt um.
„Es ist kein Klassenzimmer mehr, sondern ein Lernort“, erklärt die Klassenlehrerin Frau Azevedo, die sich inzwischen nicht mehr primär als Lehrerin, sondern als Lernbegleiterin versteht. „Ich gebe kurze Inputphasen, danach entscheiden die Kinder selbstständig, wie und wo sie weiterarbeiten.“
Die Grundlage dieses innovativen Konzepts: Das Churer-Modell, ein aus der Schweiz stammender Ansatz für offenen Unterricht. In Ebhausen wurde es weitergedacht – die Idee der freien Platzwahl wurde übernommen und durch ein breites Angebot an Sitz- und Lernmöglichkeiten ergänzt. Das Ergebnis: eine Lernumgebung, die sich den Kindern anpasst – nicht umgekehrt.
Während der Arbeitsphasen dürfen die Kinder nicht nur wählen, wo sie sitzen – sondern auch, wie. Ob mit wippenden Beinen auf dem Ball, ruhig am Tisch oder bäuchlings auf dem Teppich: Alles ist erlaubt, solange konzentriertes Arbeiten möglich ist. Die Lehrerin sitzt am sogenannten Besprechungstisch – dort finden Kinder Hilfe, Input oder einfach ein offenes Ohr. Wer gerade keine Unterstützung braucht, wird nicht unterbrochen. Stattdessen kann sich die Lehrerin gezielt einzelnen Kindern widmen – ob zur Förderung, Wiederholung oder Vertiefung.
Für die Schülerinnen und Schüler ist die neue Struktur nicht nur motivierend, sondern auch ein großer Schritt in Richtung Selbstständigkeit. „Die Kinder lernen, Entscheidungen zu treffen: Wo lerne ich am besten? Was brauche ich dafür?“, so Frau Azevedo. Und sie lernen, sich selbst und andere besser wahrzunehmen – denn wer heute auf dem Balancekissen sitzt, braucht vielleicht morgen lieber den ruhigen Platz am Fenster.
Natürlich braucht ein solches System klare Regeln und Vertrauen. Die Kinder lernen früh, Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen – und erleben dafür etwas, was vielen Erstklässlerinnen und Erstklässlern sonst oft fehlt: echte Entscheidungsspielräume.
Und wer denkt, das führe ins Chaos, irrt: In der Klasse herrscht eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Es wird geflüstert, geschrieben, gerechnet – jeder für sich oder im Team. Lernen als gelebte Freiheit.
Diese erste Klasse aus Ebhausen zeigt, wie Schule auch anders geht: kindgerechter, bewegungsfreundlicher, selbstbestimmter. Und vielleicht bald ein Vorbild für viele weitere Schulen.
Mit dem mutigen Umbau des Klassenzimmers zu einem flexiblen Lernort ist Frau Azevedo ein Beispiel gelungen, das sicher auch über die Ortsgrenzen hinaus Schule machen dürfte – ganz ohne starre Reihen.





